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Beiträge zu Kultur und Politik

 


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Kommende Themen

Unsere redaktionelle Planung beschäftigt sich gegenwärtig u.a. mit folgenden Themen; voraussichtlich werden die Sendungen zu den angegebenen Terminen ausgestrahlt. Jedoch können sich Änderungen ergeben: die folgende Aufstellung ist vorläufig. In jedem Fall laden wir zur Mitarbeit ein - und zu weiteren thematischen Vorschlägen.

 

Von den Post- zu den simulativen Demokratien

Das Stichwort einer „Postdemokratie“, maßgeblich vom britischen Politikwissenschaftler Colin Crouch geprägt, soll Strukturveränderungen in den westlichen Demokratien fassen, die sie um ihren inneren Gehalt bringen. „Postdemokratische" Entwicklungen erscheinen dabei als Perversion der Demokratie, als deren Zerrbild. Und daran schließen zumeist hilflose Versuche einer Revitalisierung repräsentativer Systeme an, die ihnen neue Evidenz und Legitimation einhauchen sollen. Zuletzt hat der Systemtheoretiker Ingolfur Blühdorn in Absetzung gegen Crouch u. a. die These einer simulativen Demokratie vorgetragen, die das klassische Verhältnis des Souveräns zu den Instanzen seiner Repräsentation durch ein konsumistisches Verständnis jener Strukturen abgelöst sieht. In der Mentalität des totalisierten Individualismus würden nunmehr Parteien und demokratisch Institutionen als Politik-Provider begriffen. Wir fragen nach den Systematiken und mutmaßlichen Mentalitäten, die solche Reanimationen scheitern lassen: Strukturen des Digitalen etwa, die Systeme der Informationsverarbeitung an den Ort traditioneller Entscheidungsprozesse gerückt haben, oder die Gewalt internationaler Wirtschafts- und Finanzsysteme, deren transnationaler Charakter staatliche Systeme nur mehr als Transmissionsriemen von Strategien benutzen, wie etwa im Falle der Steueroasen. Dies inspiriert beispielsweise Alain Badious Kampferklärung gegen die repräsentativen Strukturen parlamentarischen Zuschnitts. Denn es durchzieht sie mit neufeudalen Strukturen, was selbst unverdächtige Ökonomen wie Thomas Picketty konzedieren, die gleichwohl instabile Züge annehmen und „das Politische" anders zu denken zwingen und vor Probleme einer „Ethik des Zerfalls“ stellen. All dies wäre mit den Konturen jener konsumistischen Subjektivität zu kontrastieren, von der Blühdorn spricht, aber auch mit dem Befund einer zwischen reaktionärem Block und solidarischer Hilfe polarisierten Generation.

 

Literatur, Gedächtnis, Erinnerung

Die landläufige Formulierung, sich „etwas ins Gedächtnis zu rufen“, stellt vor Rätsel. Denn woraus lässt sich abrufen, was da „ins Gedächtnis" gerufen wird? Aus welchen Reservaten also geht hervor, was im Gedächtnis gegenwärtig und „aufbewahrt" wird? Mehr noch: Welcher „Ruf" sollte geeignet sein, sich an diese Reservate zu adressieren, um sie wie einen Einbruch der Zeit im Gedächtnis zu vergegenwärtigen? Nicht erst die Psychoanalyse verhilft zu der Einsicht, dass das Unbewusste wie eine Sprache strukturiert ist, in deren signifikanter Ordnung sich Erinnerung gleichsam speichert. In ihr findet das Spiel des Gewesenen statt, in dem sich beständig verschiebt, was akut wird. Bedeutungen treten hier nur im Rückzug eines „Sinns" hervor, der sich als Unbewusstes zurückzieht.. Aber auch die Hermeneutik weiß um die Nähe, in der die Erinnerung an den Text gebunden ist. In ihm fasst sie sich und öffnet sich zugleich unendlich. Und darin verrätselt sich das Literarische. Doch indem es sich nie in präsente Bedeutung überführen lässt, bietet es ebenso einen unendlichen Widerstand auf, den Jean-Luc Nancy im Begriff eines „literarischen Kommunismus" zu fassen suchte. „’Literarischer Kommunismus’ weist zumindest darauf hin, dass die Gemeinschaft in ihrem unendlichen Widerstand gegenüber allem, was sie zu Ende (oder zur Strecke) bringen möchte, eine nicht zu unterdrückende politische Forderung darstellt und dass diese politische Forderung ihrerseits etwas von der ‘Literatur’ fordert, nämlich unseren unendlichen Widerstand einzuschreiben.“

 

Zeitrisse. Die ungleichzeitige und die kommende Linke

Alle Jahre wieder, mit enervierender Regelmäßigkeit wird in interessierten Medien die Frage ventiliert, was heutzutage eigentlich „links“ sei. Die hilflosen Definitionsversuche, die sich an diese Frage gemeinhin anschließen, umschreiben jedoch nur einen leeren Ort, der keinen Gegenstand mehr aufweist. Denn die „Linke“ ist zur bloßen Erinnerung, zum Gestus oder Habitus geworden und inszeniert sich aus einem Gestern, das sich selbst undurchsichtig bleibt. Nicht allein der Begriff dieser „Linken“, sie selbst löste sich auf, als ihre Voraussetzungen zerfielen. Nicht zuletzt bestanden sie in der Verbindung eines Arbeitsbegriffs, der die Hervorbringung einer kommenden Welt verhieß, mit einem Begriff „des“ Menschen, der sich in ihr sollte verwirklichen können. Zweifellos gingen beide Termini eines „Humanismus“ aus einer Metaphysik und ihren Traditionen hervor, die sich nicht einfach abschütteln lässt. Antworten auf die Frage nach einer „kommenden Linken“ aber lassen sich aus ihr nicht beziehen. Wir fragen deshalb nach den Verschiebungen im Gefüge von Ökonomie und Politik, Medien und Globalität, Text und Geschichte, Zeit und Raum, die in den Begriff einer „kommenden Linken“ eingehen müssten, um deren künftige Konturen verzeichnen zu können.

 

Narziß. Fragmente und Identitäten

Das narzisstische Leiden an der eigenen Unerreichbarkeit durchzieht die gegenwärtigen Befindlichkeiten wie ein Fluch. Selbstfindung, Selbstverwirklichung und Selbsterfahrung sind zur Obsession geworden, die „eigene Identität“ zum Phantasma, auf das alle Welt zur Jagd bläst. Kein Wunder, dass depressive Schübe die Selbstinszenierungen durchziehen und die Vernarrtheiten ins eigene Bild mit tödlichen Lähmungen durchziehen. Denn das Spiegelsystem des kleinen Wassers, dem Narziß verfällt, um den Tod zu finden, ist nicht die „Urszene“ seines Leidens. Nicht die Optik ist es zunächst, die ihm zum Verhängnis wird, sondern früher noch der Ton, die Stimme, die er an der Nymphe Echo zurückwies: „Jener entflieht, und entfliehend: Hinweg die umschlingenden Hände, / Saget er: lieber den Tod, als dir mich schenken, begehr’ ich!“ (Ovid) Erst wo Narziß diese Stimme zurückweist und sich ins Optische seines Spiegelbilds einschließt, gerät ihm das Verfehlen der sexuellen Differenz zu seinem Untergang. Das narzisstische Drama spielt im Hiatus dieser Differenz, die sich im medialen Sprung von Ton und Bild markiert. Was lehrt dies über die Geschicke des gegenwärtigen Narzissmus und die „Okulartyrannis“ (Sonnemann) der Systeme?

 

Christa Wolf: "Kein Ort. Nirgends"


Hörspiel-Lesung mit Markus Boysen, Imogen Kogge, Uli Maier und anderen.Mit Musik von Benjamin Sprick und David Wallraf.

 

Die blinden Flecken der Ökonomie

Alle Welt ist gegen den Kapitalismus, doch kaum jemand weiß noch, was das ist. Ökonomischer Analphabetismus gehört zu den Reflexen, mit denen die Diktate der Gegenwart gemeinhin geflohen werden, um sich ihnen umso unentrinnbarer zu unterwerfen. Die Mechanismen von Überakkumulation und Krise werden umso nachhaltiger verkannt, je hektischer sie zurückgestaut werden sollen. Als umso unbeherrschbarer kündigen sich die zerstörerischen Potenzen an, die sich dabei aufbauen. Hilflose und nie realisierte Versuche, dem „Finanzkapitalismus“ die Spitze zu brechen, oder Beschwörungen, die Aufgabe des Finanzkapitals bestünde darin, die „Realwirtschaft“ zu kreditieren, können die Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte nur als „Auswüchse“ verzeichnen, die nur reguliert werden müssten, um die Systeme zu kurieren oder auf ein Normalmaß zu stutzen. Daran etablieren sich Einteilungen von ökonomischer „Rationalität“ und „Irrationalität“, die auf vertraute Muster zurückgreifen. Soll sich jene als an reale Warenproduktion gebunden erweisen, wird diese als „Casino der Spekulation“ verurteilt. Nicht nur wird dabei vergessen, dass die einzige Zwecksetzung des Kapitals darin besteht, Wert über den Wert hinaus zu realisieren, ganz unabhängig von den Feldern, auf denen sich dies vollzieht, um ihn unverzüglich in neue Spiralen seiner Vergrößerung zu schleudern. Mehr noch: Solche Konstruktionen von Rationalität und Irrationalität rufen Muster wieder auf, die einst zwischen „raffendem“ und „schaffendem“ Kapital unterscheiden wollten. Kein Wunder, dass sich ein ökonomischer, dumpfen Ressentiments folgender „Antikapitalismus“ in Verschwörungstheorien und neuen Faschismen artikuliert. Denn auf der Strecke bleibt, wer nichts als Arbeitskraft zu verkaufen hat, daran aber festhält, scheinbar in Ermangelung eines Ausweges. Dabei gesellt sich unübersehbar zur sozialen Frage die ökologische, die neue Handlungsspielräume erzwingt wie existierende zusehends schließt. Wie ist das Zusammenspiel von materieller und sozialer Dimension im Horizont wachsender regionaler Krisen zu denken?

 

Ästhetiken des Politischen

Walter Benjamins einflussreiche Formel vom Faschismus als einer „Ästhetisierung der Politik“ wurde zur Floskel, deren Voraussetzungen jedoch ebenso in Vergessenheit gerieten, wie die Frage nach einer „Politisierung des Ästhetischen“ ohne tragfähige Antwort blieb. Zu welchen Formen einer Ästhetisierung finden politische Systeme heute, die ihr postdemokratisches Procedere mit Substituten einer Inszenierung versehen, um ihre Bindekraft mit ästhetischen Versatzstücken herzustellen? Und auf welche vorgängige „aisthesis“ müsste sich ein Begriff des Politischen stützen, der darin mit einer Verteilung von Sinnlichem und Intelligiblem (Ranciere) rechnet, in der das Politische seinen Ort erst finden könnte? Denn die Frage nach einer „Politisierung der Ästhetik“ greift zu kurz, wenn sie sich auf mögliche Beziehungen zur Kunst kaprizieren würde. Möglicherweise skizziert sich in den Verschiebungen einer „aísthesis“ vielmehr, was das Politische zum Rückzug zwingt und alle Politik nur als Schlacke zurücklässt, die von diesem Rückzug blieb.

 

Das Böse

Das „Böse“ wurde von der Tradition zumeist als radikale Abwesenheit des Guten, als dessen defizienter Modus sozusagen, gedeutet. Umso mächtiger konnte es in Prozesse einer Verwirklichung aufgehoben werden. Ohne es zu wollen, wurde jene Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft, zur Arbeit an der Kohärenz einer Logik angehalten, die sich dann prozessphilosophisch oder heilsgeschichtlich interpretieren ließ. Nicht erst die Vernichtung des 20. Jahrhunderts aber machte diese Konstruktion unhaltbar. Das „Böse“ erwies sich als Macht, die sich nicht „aufheben“, nicht „widerlegen“ ließ, sondern militärisch zerschlagen werden musste. Lässt sich das „Böse“ als eigene Kraft den Dialektiken des Prozesses entwinden? Thesen wie die, es gebe eine „autotelische Gewalt“ (Reemtsma), die sich offenbar selbst Antrieb und Ziel sein soll, fanden unlängst nicht wenig Zuspruch. Es sollte jedoch nicht vergessen werden, dass der Terminus des „Bösen“ einer christlichen Ökonomie des Heils entsprang, die noch dort wirksam ist, wo Kultur- und Systemtheorien das „Zusammenwerfen“ des „Sym-Bolischen“ vom „Zer-Würfnis“ des „Dia-Bolischen“ zwar durchquert sehen, doch nur, um dessen Einbruch zugleich zu minimieren und das Nicht-Ökonomisierbare als „böse“ auszuschließen. Was hieße es, vor diesem Hintergrund nach einer anderen Opposition zu fragen, die von Spinoza bis zu Nietzsche reicht und nicht etwa das „Böse“, sondern das „Schlechte“ als Inbegriff einer Minderung von Kräften in Anschlag bringt, um dem christlichen Erbe zu widerstreiten?

 

Signaturen des Schönen

Das „Schöne“ gewann geschichtlich im gleichen Maß ornamentalen, beiherspielenden Charakter, in dem das „Wahre“ als Medium von Erkenntnis und Wissen, das „Gute“ als Maxime ethischen Handelns ins Zentrum des kulturell Verbindlichen trat. Im unmessbaren Maß, auf das alles „Schöne“ rekurriert, sei es als Natur, als Literatur, Musik oder Kunst, insistiert jedoch etwas, was aus einer Evidenz des Überflusses spricht, die vom Kalkül der Wahrheit ebenso wenig eingenommen werden kann wie vom Reglement des Guten. Nirgendwo ist es einzufangen, nirgends festzusetzen. Lässt es sich als affirmative Kraft entziffern, die die Anmaßungen des Wahren ebenso bescheidet wie die Register, in denen sich ein gutes Handeln arretieren sollte?

 

"Freie" Kunst?

Der ungebrochene Mythos einer „freien Kunst“, von ihren Protagonisten hartnäckig verteidigt, verkennt das Marktgeschehen, in das sie strukturell eingebunden ist. Ob sie es zugesteht oder nicht, bemisst sich ihr Erfolg an den Marktanteilen von Preisbildung und Aufmerksamkeit, die sie zu erobern in der Lage ist. Darauf zielt sie, und dies erweist ihre „Freiheit“ von Anbeginn als Trugbild einer Marktabhängigkeit, an der sie scheitert und scheitern muss. Wie steht es um Figuren dieses „Scheiterns“, die im Innersten zum Künstlerischen gehören dürften, gerade indem es sich den repräsentativen Ordnungen des „Erfolgs“ entzieht? Ließe sich erst in Begriffen eines solchen Scheiterns in Erinnerung rufen, was die „Freiheit der Kunst“ ausmacht?

 

B-Pictures

Man könnte die These vertreten, dass die viel geschmähten B-Pictures aus Hollywood Szenarien einer Zukunft entwerfen, die mehr Sachgehalt aufweisen als alle Prognosen von Sozialwissenschaftlern, Kulturtheoretikern oder Versicherungsmathematikern. Zumeist in einer postkatastrophischen Welt angesiedelt, in der ein Kampf ums nackte Überleben bei schwindenden Ressourcen mit äußerster Gewalt ausgetragen wird, schrecken sie das Publikum mit dem Entsetzlichen, auch wenn sie es zumeist im notorischen Happy End wieder mit sich versöhnen. „Mad Max", „Die Klapperschlange“, „2020 – Die überleben wollen" oder „I am Legend“ entwerfen Perspektiven einer zerfallenen Welt, in der die Monopole staatlicher Gewalt einem Kampf aller gegen aller Platz gemacht haben. Staatliche Strukturen treten in ihm bestenfalls als dessen Element in Erscheinung. Gibt es Momente in gegenwärtigen Prozessen, die solchen Phantasien einen gewissen Realitätsgehalt verleihen? Woher sonst rührt die Faszination, die von ihnen ausgeht?